visualisierung

„Visualisierung solarer Erträge“

In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Theater wurden experimentelle audiovisuelle Wege gesucht, mit künstlerischen Mitteln technische Informationen zu transportieren.

Audio-Visualisierung Naturwissenschaftlicher Phänomene mit künstlerischen Mitteln

Zur Vorgeschichte


Am Anfang stand das Ziel, bei bisher noch vergleichsweise Uninteressierten mit Hilfe der Photovoltaikanlage „Sonnenfall(e)“ Aufmerksamkeit zu erzeugen für die große gesellschaftliche Bedeutung und Zukunftsrelevanz der Nutzung regenerativer Energien.

Das Projekt sollte die naturwissenschaftlich-technischen Grundlagen des Phänomens der Stromerzeugung aus Sonnenenergie an der eigenen Hauswand in einer Form kommunizieren, die insbesondere Menschen erreicht, die durch techniklastige oder auch didaktisch-ökologisch verpackte Informationen nicht oder nur sehr schwer anzusprechen sind. Im Unterschied dazu sollte in diesem Projekt der Möglichkeit nachgegangen werden, naturwissenschaftlichen Phänomenen und technischen Zusammenhängen mit einer künstlerisch-forschenden Haltung zu begegnen und sie mit künstlerischen Mitteln zu kommunizieren.

Der Entstehungsprozess dieses ursprünglich aus einer Arbeit der Architekturstudenten Matthias Rieper, Thomas Händle und Johannes Niemeyer hervorgegangenen Hochschulprojektes „Sonnenfall(e)“ wurde durch Mitarbeiterinnen des Fachgebiets Gebäudetechnik laufend dokumentiert. Außerdem werden seit Inbetriebnahme im März 2002 die Erträge der Anlage über einen Datenlogger ausgelesen und ausgewertet. Zur weiteren Bearbeitung des Themas lag also umfangreiches Bild- und Datenmaterial vor.

Offen war die Wahl der künstlerischen Mittel.



Zur vorgestellten Arbeit

Komposition und Programmierung:
Martin von Frantzius, HfMT
>Installation Sonnenfalle<

Künstlerische Betreuung:
Georg Hajdu, HfMT
Peter-Michael Hamel, HfMT

Technische Betreuung:
Sabine Busching, HfbK
Rainer Korsen, HfbK
Simona Weisleder, HfbK


Martin von Frantzius :

"Eine Photovoltaikanlage soll der Mittelpunkt einer Video- und Klanginstallation werden. Eine Anlage, die sich von anderen ihrer Art zum einen durch die eindrucksvolle Verbindung von künstlerischem Design und technischer Innovation und zum anderen durch ihren erstaunlichen Entstehungsprozess als Hochschulprojekt abhebt.


Beide Punkte sollten in einer Installation ihre Berücksichtigung finden. Dafür bot es sich an, die Grundmaterialien für die Gestaltung im unmittelbaren Umfeld des Projektes zu suchen: Filme und Klänge, die die Anlage von ihrer „Geburt“ in der Metallverarbeitung bis hin zur Montage am Hochschulgebäude der HfbK in der Averhoffstraße begleiten. Szenen, die von Projektbeteiligten gedreht wurden, die mit staunendem Blick den stetigen Realisierungsprozess einfangen. Geräusche aus den Filmen, die die verschiedenen Arbeitsgänge und den enormen Arbeitsaufwand aller an der Entstehung Mitwirkenden akustisch abbilden.

Dieses Grundmaterial hätte jetzt von mir als Komponisten einfach zu einer abgeschlossenen Form collagiert werden können - ein Video wäre entstanden, in dem die PV-Anlage allerdings nur eine passive Rolle gespielt hätte. Von vorne herein wurde aber ein anderes Ziel verfolgt: Eine von der PV-Anlage selbst bestimmte Komposition sollte entstehen.

Dafür musste eine passende Software geschrieben werden, die über eine Schnittstelle mit der Anlage kommunizieren und dadurch deren aktuellen Energiezustand mit laufend wechselnden Leistungswerten jederzeit abfragen kann. Mit Hilfe dieser Daten kann nun eine Echtzeit-Komposition in Gang gesetzt werden. Die Aktivität der Anlage („activity“ Schieberegler oben rechts in den Beispiel-Screenshots) steuert Videos, Klänge und Effekte. Je niedriger der momentane Energielevel der Anlage ist, desto ruhiger gestalten sich auch Bild und Ton. Schöpft die Sonnenfalle dagegen ihr Energiepotential voll aus (Peak-Leistung), so sind auch Bild und Ton entsprechend viel intensiver. Videobilder überlagern sich plötzlich, werden zerstückelt und bilden abstrakte Formen. Die Klänge gewinnen an Schärfe, ihre Energie steigt. Wie im Musikvideoclip folgen Schnitte innerhalb kürzester Zeit aufeinander. Die benutzten Oberton-Akkorde, die bei niedriger Aktivität sanft ins Ohr rieseln, werden hart und dissonant. Nicht nur die Quantität der Aktionen nimmt zu, auch deren Qualität ändert sich stetig. Gesprochene Sätze (inhaltlich natürlich aus dem Themenfeld Photovoltaik) wirbeln durcheinander bis man sie nicht mehr verstehen kann.


Das ganze sei hier in Kürze noch etwas detaillierter erklärt: Die ausgelesene Aktivität der Anlage steuert in erster Linie einen Rhythmuscomputer, der seine Impulse an die verschiedenen auditiven und visuellen Komponenten weitergibt. Je nach Aktivitätsgrad wird ein vorher von mir komponiertes rhythmisches Pattern ausgelesen, das allerdings durch Festlegung von Wahrscheinlichkeiten immer etwas unterschiedlich ausgespielt wird. Natürlich differieren die Patterns für die verschiedenen Aktivitätsniveaus, d.h. je höher die Aktivität, um so lebendiger auch der resultierende Rhythmus. Diese Rhythmen lösen nun Geräusche, Klänge oder gesprochene Sätze aus und bestimmen auch den bildlichen Ablauf der Installation durch das Ansteuern bestimmter Video-Effekte, wie z.B. Überblendung, Drehung, Zerstückelung, wodurch ein hohes Maß der Entsprechung der Bild- und Tonebene erreicht wird.
Die Aktivität bestimmt auch direkt, wie oben geschildert, die Klangqualität der Geräusche und Akkorde. Durch die Steuerung verschiedener Audio-Filter wird die Klangfarbe bei niedrigem Energielevel dumpf und tief, bzw. bei steigender Energie spitz und scharf. Das Klang- und Bildmaterial wird ständig neu aus einem Pool von Bildern und Tönen zusammengestellt, so dass eine vielseitige Collage entsteht. Alle Bilder und Geräusche entstammen den Videos über die Entstehung der Anlage.
Neben dem Abspielen konkreter Klänge (wie Bohren, Metallklirren etc.) existiert noch eine Granularsynthese. Diese hat die Fähigkeit sozusagen mikroskopisch in vorher aufgenommene Klänge hineinzuhören. Es ergeben sich Flächenklänge, die als Hintergrundatmosphären wahrgenommen werden können, sich aber immer wieder zwischendurch in den Vordergrund spielen. Aus einem kurzen Metallgeräusch wird z.B. ein Geräusch, das an eine in Zeitlupe aufgenommene Glocke erinnert. Die Auslesegeschwindigkeit und andere Parameter werden auch über die Aktivität gesteuert.
Durch verschiedene mathematische Formeln (nach Clarence Barlow) habe ich eine Reihe von ca. 40.000 vierstimmigen Akkorden gefunden, die nach ihrem Dissonanzgrad geordnet sind. Steigt die Energie der Anlage, so werden jeweils immer dissonantere, also energetischere Akkorde aus der Tabelle ausgewählt und gespielt.

Das ganze System entsteht also durch das Zusammenspiel verschiedenster Komponenten, die direkt über die Aktivität der Anlage oder indirekt über die aus der Aktivität der Anlage gewonnenen Patterns der Rhythmusmaschine gesteuert werden. Alles wird in Echtzeit berechnet, d.h. jede Änderung von Bild und Ton wird aus dem Moment geboren, nur so kann die Steuerung durch die „Sonnenfalle“ funktionieren.

Wenn es dunkel ist kann man mit der Anlage spielen: Gibt man ihr künstliches Licht, so wird ihre Reaktion sofort in den entstehenden Bildern und Tönen erfahrbar. Am Tage spielt das Wetter sozusagen die Rolle des Dirigenten dieser Komposition.

Im Internet wird man sich den auf diese Weise von der Sonne generierten ’Song’ anhören und anschauen können. Ich wünsche allen Interessierten viel Spaß dabei."










Die Erstvorstellung der Audio-Videoinstallation fand am 18. Februar 2004 am Fuße der >SONNENFALLE< auf dem Hof der Averhoffstraße 38 bei Punsch und guter Laune statt.

nach oben

 

English Abstract

Visulisation of Solar Energy

>>> more

Chinese Abstract


>>> pop-up